Hessen

Haltestellenausstattung in Gießen

Haltestellenausstattung im Stadtgebiet Gießen

Dezember 2013

Der Kreisverband Gießen des Verkehrsclub Deutschland (VCD) hat eine umfassende Analyse der Ausstattung der 315 Gießener Bushaltestellen vorgelegt. Danach müssen an 58% der Haltestellen die Fahrgäste immer noch im Regen warten. An 45% gibt es keine Sitzmöglichkeiten für wartende Personen. 
Die Analyse der Haltestellenausstattung wäre eigentlich Aufgabe des zur Zeit in Bearbeitung befindlichen Nahverkehrsplans, im vorliegenden Entwurf wurden jedoch nur unvollständige und z.T. falsche Angaben zur Haltestellenausstattung präsentiert. Auch die in der ersten Anhörung zugesagten „Empfehlungen zu Ausbauprioritäten“ wurden nicht vorgelegt. Angesichts der offenkundigen Defizite haben daher die Mitglieder des Verkehrsclubs die mehr als 300 Gießener Haltestellen zum Jahresende auf eigene Faust untersucht und der Stadt das Ergebnis in umfangreichen Karten aufbereitet. „Wir hoffen, dass Magistrat, Stadtverordnete und Ortsbeiräte die deutlichen Defizite bei der Haltestellenausstattung zur Kenntnis nehmen und in den nächsten Jahren zumindest die wichtigsten Bushaltestellen nutzergerecht umgestalten“, so VCD-Vorstand Patrik Jacob.
Die Untersuchungen des VCDs machen deutlich, dass es noch immer viele wichtige Bushaltestellen gibt, an denen Fahrgäste im Regen auf die Busse warten müssen. So gibt es bis heute an keiner der Haltestellen, die den Uni-Campus der Naturwissenschaften erschließen, eine Buswartehalle. Das gleiche gilt für die Haltestelle Südanlage, wo tägliche viele Pendler und Besucher der Innenstadt in die Regionalbuslinien einsteigen. Auch an der Haltestelle Klinikstraße, die immerhin Mittelhessens größtes Klinikum anbindet, müssen die Fahrgäste noch immer im Regen warten. Nach Ansicht des VCDs ist es daher kein Wunder, dass viele Bedienstete, aber auch Besucher des Klinikums statt des ÖPNVs lieber das Auto nutzen.
Für Standorte, an denen aus Platzgründen das Aufstellen einer normalen Wartehalle nicht möglich ist, sollte ein Modell ohne Seitenwände geprüft werden. Als Überbrückung könnten an stark genutzten Haltestellen wie z.B. Naturwissenschaften, Aulweg/Wartweg, Schäferbrunnen oder Bernhardtstraße vorübergehend Sitzbänke aufgestellt werden bis auch dort Wartehallen gebaut werden.
Bereits 2011 hatte der VCD die Wartehallenausstattung untersucht und die Stadt aufgefordert, aktiv zu werden. Außer einer neuen Wartehalle an der wichtigen Haltestelle Friedrichstraße sei nichts geschehen.
Die Studie des VCDs zeigt auch Ausbaupotential im Bereich Barrierefreiheit, denn an 60% der Haltestellen fehlen sogenannte „Kasseler Borde“, die es ermöglichen, nahezu stufenfrei in die Busse zu gelangen. Barrierefreiheit ist für 10% der Bevölkerung zwingend erforderlich, für 40% hilfreich und für 100% bequem. Aufgrund des demografischen Wandels wird bald ein Drittel der Bevölkerung eine Mobilitätseinschränkung haben. Daher ist ein barrierefreier Nahverkehr für den ökologischen Verkehrsclub eine gesellschaftliche Notwendigkeit. 
Taktile Leitsysteme für sehbehinderte Fahrgäste fehlen an 67% der Gießener Bushaltestellen. Dies betrifft z.B. auch die Haltestellen Berliner Platz (stadtauswärts), Eichendorffring, Albert-Oswald-Platz oder Feuerbachstraße – allesamt Haltestellen, an denen gemäß den Zahlen der Stadt mehr als 1.000 Person täglich in die Stadtbusse ein- und aussteigen. Um eine ausreichende Barrierefreiheit zu schaffen, hat die Stadt dabei wenig Zeit, denn das Personenbeförderungsgesetz sieht vor, dass bis 1. Januar 2022 eine „vollständige Barrierefreiheit“ zu erreichen ist. Es bleiben also nur noch 8 Jahre.
Der VCD erwartet nun von der Stadt, dass sie die Ergebnisse der VCD-Studie noch im Nahverkehrsplan berücksichtigt und endlich die bereits zugesagten Empfehlungen zu Ausbauprioritäten der Stadtverordnetenversammlung zum Beschluss vorlegt. Damit sich alle Politiker und Busnutzer selbst ein Bild von der für ein Oberzentrum unzureichenden Haltestellenausstattung machen können, hat der VCD seine Studie auch auf seiner Homepage www.vcd.org/giessen veröffentlicht. „Wir wollen hoffen, dass der rot-grüne Magistrat die Probleme erkennt und seiner sozialen und ökologischen Verantwortung für die Stadt gerecht wird“, so der Kleinlindener Patrik Jacob, der darauf verweist, dass Investitionen in den ÖPNV die Stadt durch weniger Kosten für den teuren Individualverkehr mittelfristig deutlich entlasten würde. Zudem könne die Stadt Zuschüsse des Landes und – für die Wartehallen – von Werbetreibenden erwarten, die den Stadthaushalt entlasten. 
Die VCD-Studie liefert jedoch auch zwei positive Ergebnisse: An 92% der Haltestellen gibt es Abfallbehälter und an 97% gut befestigte Wartebereiche. Diese Quoten sind nach Ansicht der Nahverkehrsexperten vorbildlich.

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