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Presseartikel: "Ich zücke meine Karte und gut"

In Hessen sind bislang rund 50 000 ältere Menschen mit dem Seniorenticket unterwegs. Zwei Nutzerinnen aus Wetzlar berichten über ihre Erfahrungen.

Von Pascal Reeber

Redakteur Wetzlar 

 

Mit dem Seniorenticket können Menschen über 65 den kompletten Nahverkehr in Hessen nutzen. 50 000 Tickets sind bisher verkauft worden. Symbolfoto: Arne Dedert/dpa 

WETZLAR - Für einen Euro am Tag mit Bus und Bahn durch ganz Hessen fahren. Wovon Pendler träumen, das ist seit Anfang des Jahres für Senioren Realität - mit dem hessischen Seniorenticket. Allein der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) hat bis Mitte Januar mehr als 40 000 der rabattierten Jahreskarten für Menschen ab 65 Jahren verkauft, hessenweit sind es knapp 50 000. Auch im Lahn-Dill-Kreis nutzen ältere Menschen die neue Flatrate. 

Ein wenig unentschlossen war Barbara Böcher am Anfang ja schon. Das neue Seniorenticket kaufen oder nicht? "Ich habe mich gefragt, ob ich da überhaupt auf meine Kosten komme", berichtet Böcher. Denn die Vorsitzende des Fahrgastbeirats fährt sehr viel Rad. Und kann sich dadurch manche Reise mit dem Stadtbus in Wetzlar, aber auch kurze Fahrten mit der Bahn, sparen. "Ausschlaggebend für mich war letztlich, dass ich mit dem Seniorenticket auch nach Nordhessen komme", sagt Böcher. Denn in Kassel hat sie mal gelebt. 

Fahrten durch ganz Hessen mit dem Nahverkehr für 365 Euro im Jahr, also einen Euro pro Tag - das bietet das Seniorenticket. Dass es im gesamten Bundesland gilt und damit die Grenzen der Verkehrsverbünde quasi verschwinden, ist für Böcher ein gewaltiger Vorteil. "Ich muss mir keinen Kopf um Fahrscheine machen", lobt sie einen großen Vorteil des neuen Angebots. "Ich steige einfach ein, zücke meine Karte und gut." Und das gilt in Nord, Süd, Ost oder West, egal, in welchem Verbund und egal in welchem Verkehrsmittel, so lange es der öffentliche Nahverkehr ist. 

EIN TICKET, ZWEI VARIANTEN 

Das Seniorenticket Hessen ist in zwei Varianten erhältlich. Als reguläres Seniorenticket und als Seniorenticket Komfort. Beiden Angeboten ist gleich, dass der Nutzer mindestens 65 Jahre alt sein muss und die Fahrkarte personengebunden ist, also nicht weitergegeben werden darf. Das Ticket gilt ein Jahr lang in allen Bussen und Zügen des Nahverkehrs und wird entweder auf einmal oder in Raten bezahlt. Es wird auf einer elektronischen Chipkarte ausgestellt. Das reguläre Seniorenticket (365 Euro pro Jahr) gilt an Werktagen ab 9 Uhr, an allen anderen Tagen ganztags.

Das teurere Seniorenticket Komfort (625 Euro) hat diese Einschränkung nicht, es gilt 24 Stunden am Tag. Mit ihm darf zudem in der Ersten Klasse gefahren werden. Und: Am Wochenende und werktags ab 19 Uhr dürfen ein weiterer Erwachsener und unbegrenzt viele Kinder unter 15 mitgenommen werden.

Bestandskunden schlug der RMV den Umstieg vor 

Die Freiheit für Fahrten durch ganz Hessen war auch für Gisela Sarges aus Wetzlar der Grund, sich für das Seniorenticket zu entscheiden. Die Wetzlarerin ist bislang mit dem Vorläufer, der "65plus-Jahreskarte" gefahren. Die war ein paar Euro teurer - und galt nur im Gebiet des Rhein-Main-Verkehrsverbundes. "Ich wollte schon immer mal nach Kassel ins Museum fahren", berichtet Sarges. "Jetzt kann ich das machen, mitten in der Woche, wann ich will." 

Als Bestandskundin wurde Sarges nach Verkaufsstart des Seniorentickets im November 2019 vom RMV angeschrieben und gefragt, ob sie das neue Angebot nutzen möchte. Das alte Angebot wurde mit Start des Seniorentickets eingestellt. Sarges fiel die Zusage leicht, da sie im Vergleich zur vorherigen Karte Geld spart. Die Wetzlarerin ist grundsätzlich überzeugt von Zeitkarten. "Mit Einzelfahrscheinen rechnet man vor jeder Fahrt. Das muss ich jetzt nicht mehr", berichtet sie. Zumal Sarges im Grunde jeden Tag eine Fahrt mit Bus und Bahn macht. Seit acht Jahren hat sie kein Auto mehr, wohnt am Leitzplatz und hat damit fast alle Stadtbuslinien und viele Überlandlinien vor der Haustür. 

Ticket lohnt sich ab der ersten Fahrt im Stadtbus 

2,30 Euro kostet die Einzelfahrt mit dem Stadtbus in Wetzlar, ein Euro pro Tag das Seniorenticket. Da muss man kein Mathegenie sein. Das neue Angebot lohnt sich mit dem ersten Einstieg in den Bus. 

Das Angebot werde seit Verkaufsstart "sehr gut angenommen", berichtet RMV-Sprecherin Vanessa Rehermann. Zu den 40 000 Verkäufen innerhalb des RMV kommen noch die Verkäufe der anderen Verbünde, des Nordhessischen Verkehrsverbundes (NVV) und des Verkehrsverbundes Rhein-Neckar (VRN). Der NVV hat nach Angaben einer Sprecherin etwa 10 000, der VRN, der in Hessen nur für den Kreis Bergstraße zuständig ist, 50 Seniorentickets verkauft. 

Für Barbara Böcher steht fest, dass mit dem Angebot auch Nachfrage erzeugt wird. "Ich habe das Gefühl, dass das Ticket Gelüste weckt", beschreibt sie. Will sagen: Wer erst einmal Zugang zum gesamten Nahverkehr in Hessen hat, nutzt ihn auch. Plötzlich ist ein Trip nach Bad Karlshafen gar nicht so verrückt. "Das Angebot senkt die Schwelle zur Nutzung des ÖPNV enorm", sagt Böcher. Besonders lohne sich das wohl in Regionen mit attraktivem Nahverkehr - allen voran im Rhein-Main-Gebiet. In ihren früheren Heimat Wiesbaden kennt die Fahrgastbeiratsvorsitzende viele überzeugte Nutzer des Seniorentickets. 

Im Lahn-Dill-Kreis übrigens sind seit dem Verkaufsstart im vorigen Jahr 65 Seniorentickets verkauft worden: 33 im Jahr 2019, 32 in diesem Jahr. 

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