Hessen

Auto & Straße, Klimaschutz, Lebensstil, Kolumne
Landesverband Hessen

Kolumne: Wertewandel contra Klimawandel

Vor etlichen Jahren, als die Autos noch viel bescheidener waren, sie als Klimakiller noch gar nicht wahrgenommen wurden, da wurde sachlich, wenngleich vergeblich, um ein Tempolimit von 100 km/h diskutiert. Heute sind die Autos zu schweren Kampfmaschinen mutiert, ihr enormer Klimaeffekt ist wissenschaftlich erwiesen.

Für die Verfehlung deutscher Klimaschutzziele ist der Verkehr, zumal der Autoverkehr verantwortlich. Vor der mächtigen Lobby und einem vermeintlich autosüchtigen Wahlvolk buckelnd, lehnt der Bundesverkehrsminister jetzt sogar Tempo 130 brüsk ab.

Der Minister beugt sich einer gesellschaftlichen Verwahrlosung, die eine Minderheit hemmungsloser Raser im Einvernehmen mit der deutschen Autoindustrie nun auch in die öffentliche Debatte trägt. In Talkrunden von Radio und Fernsehen wird schamlos „freie Fahrt für freie Bürger“ gefordert, unterstützt von einem breiten konservativen Parteienspektrum. Selbst die SPD mag sich nicht zu einem Tempolimit bekennen.

Ungeachtet dessen, dass eben nur die Raser diese „Freiheit“ ausleben, während alle anderen Fahrer gezwungen sind, ihre Aufmerksamkeit fast gänzlich dem Terror auf der linken Spur zu widmen. Wie viel freiheitlicher geht’s auf den Autobahnen im benachbarten Europa zu, wo alle gelassen das Tempolimit einhalten, ohne permanent von Dränglern und Rasern bedroht und gefährdet zu werden.

Es wäre tatsächlich ein Armutszeugnis, sollten die Deutschen ihr Selbstverständnis nur noch in protzig-geschmacklosen „Premium“-Autos und „sportlicher“ Fahrweise finden, darüber hinaus in Fernflugreisen und Schiffskreuzfahrten. Um die im Sinne des Grundgesetzes mündigen, urteilsfähigen Bundesbürger in gefügige Konsumenten und damit in Klimakiller zu transformieren, hat die „Wirtschaft“ erfolgreich Milliarden in Werbung investiert.

Im Sinne der Klimaschutzziele muss es nun gelingen, das einstige Volk der Dichter und Denker wieder auf klassische und vor allem klimaschonende Werte einzuschwören. Neben Bildung, Kultur und Sport ist das vor allem das Wohl unserer Kinder oder Enkel. Leider konzentriert sich elterliche Fürsorge zu oft auf motorisierte Wohltaten: Elterntaxi, Flugreisen, Kreuzfahrten.

Dass derlei Fürsorge extrem klimaschädlich ist und damit ihre Lebensperspektiven ruiniert, haben nun die Kinder selbst begriffen. Deshalb treffen sie sich freitags in den europäischen Metropolen zum Protest gegen die unsäglichen Konsumgewohnheiten ihrer Eltern und Großeltern, gegen die Wirtschaft, die solch profitable Konsumgewohnheiten suggeriert hat. Heute, am 25.1., hat nach 33 Stunden Bahnreise die 16jährige Sprecherin ihren großen Auftritt auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos.

Das sollte nicht nur die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft beeindrucken, sondern vor allem auch all jene Eltern und Großeltern, die mit ihren motorisierten Konsumgewohnheiten gezielt die Zukunft ihrer eigentlich so geliebten Kinder und Enkel ruinieren.

Werner Geiß


zurück