Hessen

Kolumne

Hochsaison der Verkehrsplanung und der Autopendler

November: alljährlich wird die trübe Herbststimmung in diversen Gremien Hessischer Politik aufgehellt. Wir planen die Verkehrswende! In diversen Foren, Symposien, Tagungen oder schlicht Sitzungen werden eindrucksvolle, völlig autofreie Szenarien präsentiert. Demnächst steigt die Bevölkerung in Stadt und Region einvernehmlich aufs Rad oder reist bequem in Bus und Bahn. Na ja, also erst mal nur theoretisch.

Nicht nur die ehrenamtlichen „Gutmenschen“ aus den Umweltverbänden dürfen was sagen. Vor allem die Wissenschaft erarbeitet überzeugende Konzepte und Strategien, ergänzt um Präsentationen europäischer Planer, die andernorts die Verkehrswende schon erfolgreich realisiert haben (und mitunter über die deutsche Unfähigkeit lästern). Die Politik verweist auf diverse strategische Ziele, die zweifellos irgendwann umgesetzt werden. Zu konkreten, kurzfristigen Maßnahmen gibt man sich aber bestenfalls unverbindlich, äußert diverse Bedenken und rechtliche Hindernisse, die sich dem doch so unbedarften Laien nicht erschließen.

 Obwohl tatsächlich einige sehr kurze Fernrad- und Schienenwege feierlich eingeweiht wurden,  hat der Auto- und Flugverkehr weiter zugenommen. Und nach den Tagungen steigen die meisten Teilnehmer in ihren Premium-Dienstwagen. Nur ein paar „Gutmenschen“ frieren an der Straßenbahnhaltestelle. Am nächsten Tag erscheint bestenfalls ein Hinweis in der Tageszeitung, der von der Masse der vermeintlich aufgeklärten Bürger gern übersehen wird. Ungerührt und ohne Schuldbewusstsein steigt man allmorgendlich ins Auto und ärgert sich über den Stau, den Mangel an Parkplätzen, die paar Radfahrer und Straßenbahnen, die den Autoverkehr behindern. Sind die Rhein-Mainer wirklich so viel dümmer als die Schweizer, Dänen, Holländer oder Wiener? 

 Die Verkehrssituation im Ballungsraum Rhein-Main ist eskaliert. Relativ zu vergleichbaren Regionen ist das Verkehrsaufkommen viel zu hoch, und weiterhin entfallen rund 80% davon aufs Auto. Wenn die Bundesrepublik ihr Klimaschutzziel 2020 verfehlt, liegt das ganz wesentlich am Auto- und Flugverkehr der Rhein-Main-Region.

 Jetzt reicht’s. Wir brauchen einen konstruktiven Protest. Einen Protest der kleinen Minderheit von Fußgängern, Radlern, Nutzern von Bus und Bahn gegen die stumpfsinnigen Mobilitätsgewohnheiten einer offensichtlich unmündigen Masse. Federführend sollten aber unsere Wissenschaftler sein, deren Konzepte sehr wohl jenen ebenbürtig sind, die im benachbarten Europa schon so erfolgreich waren. Nur so erlangt die Politik den Mut, im Interesse des Gemeinwohls mal gegen die große Mehrheit des automobilen Wahlvolks zu entscheiden.

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