Hessen

Kolumne, Lebensstil, Lebenswerte Städte, Auto & Straße

Kapitalismuskritik

Autokartell und Dieselskandal geben Anlass zum Zweifel, ob unser Wirtschaftssystem noch im Sinne des Gemeinwohls funktioniert, ob es noch den Idealvorstellungen der Marktwirtschaft entspricht oder ob die Prinzipien von Marktwirtschaft und Kapitalismus versagt haben.

Zur Erinnerung: Maximaler Wohlstand stellt sich bei einer funktionierenden Marktwirtschaft nur dann ein, wenn alle Verbraucher rational, unbeeinflusst und gut informiert nachfragen und zahllose Anbieter um den Markt konkurrieren, somit keine Monopolgewinne erzielen können. Staatsaufgabe ist es, die Verbraucher durch Bildungsangebote als mündige Bürger zu rationalem Handeln zu befähigen sowie Absprachen und Kartellbildung der Anbieter zu verhindern.

Haben wir jetzt erst kapiert, dass all dies nicht zutrifft? Ist uns nicht aufgefallen, dass sich all jene gewaltigen „Premium-Autos“ und Geländewagen in ihrer prägnanten Geschmacklosigkeit zum Verwechseln ähneln? Desgleichen deren eindrucksvolle Beschleunigungs- und Geschwindigkeitswerte bei phantastisch niedrigem Spritverbrauch? Einschließlich Abgasmanipulation waren augenscheinlich Geschäftsmodelle, Einkaufs-, Produktions- und Vertriebsprozesse bis ins Detail abgesprochen. Der Wettbewerb reduzierte sich auf die „Marke“, deren Einschätzung als Statussymbol und Persönlichkeitsersatz man notgedrungen dem Konsumenten überlassen musste, hatten doch die Hersteller mitunter sogar dieselbe Werbeagentur beauftragt. Was beeindruckt mehr: „Vorsprung durch Technik“ oder „Freude am Fahren“? Die deutschen „Premium“-Anbieter waren sich einig, dass mit den teuersten und größten Vehikeln, den günstigsten und daher abgesprochenen Einkaufs- und Produktionsmethoden der höchste Profit zu erzielen war. Mit angemessenen Parteispenden sowie dem Mythos von „jedem siebten Arbeitsplatz, der vom Auto abhängt“ konnte man die amtierenden Verkehrsminister daran hindern, ihre Pflicht zu tun und eine derartig kaltschnäuzige Kartellbildung und Umweltschädigung zu unterbinden. Sind andererseits die Verbraucher verantwortlich, deren Nachfrage nach den fragwürdigen Produkten anhält? Sind sie es doch, die mit ihren Konsumausgaben die Profite der Autowirtschaft finanzieren, damit korrupte Geschäftsmodelle stützen, sowie Umwelt und Klima versauen. Oder hat hier der Staatsauftrag von Bildung und Aufklärung versagt? Sind also selbst akademisch gebildete „SUV“-Besitzer willenlose, von der Autobranche und deren Suggestivwerbung fremdbestimmte Konsumenten? Im engen Schulterschluss mit der Autolobby bemüht sich die verantwortliche Politik nun widerwillig um Schadensbegrenzung. Die Debatte um Entschädigung beschränkt sich leider auf die Interessen von Autobesitzern und Autoindustrie. Außen vor bleiben die einzig unschuldig Geschädigten, nämlich jene Minderheit mündiger Bürger, die im öffentlichen Raum ohne Auto unterwegs sind und den Dreck aus den Auspuffrohren atmen müssen. Diese Minderheit darf getrost, sollte sogar unbedingt Kapitalismuskritik üben. Alle anderen mögen schleunigst ihre Konsumgewohnheiten ändern, so dass ihre Kapitalismuskritik nicht auf sie selbst zurückfällt.

Kolumne von Werner Geiß, Landesvorstand

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