Hessen

Kolumne, Lebenswerte Städte, Autoverkehr, Saubere Luft

Kolumne: Aufs Auto angewiesen?

In Stuttgart gilt es jetzt schon, weitere Dieselfahrverbote drohen, viele Pendler werden ihren Arbeitsplatz nicht mehr erreichen, Kündigung, Massenarbeitslosigkeit, schiere Verzweiflung allenthalben.

Denn die Autopendler sind nun mal aufs Auto, konkret auf ihren Diesel angewiesen. Leidenschaftlich beschwören das nicht nur interviewte leidgeprüfte Autofahrer dem mitfühlenden Fernsehpublikum, das betonen auch viele Medien. Offensichtlich wohnen die allermeisten Werktätigen auf abgelegenen Dörfern, fernab jeglicher Bahn- oder Buslinien, von Radwegen ganz zu schweigen. Vorsichtige Nachforschungen im Kreise Auto-pendelnder Kollegen ergeben aber, dass die ganz überwiegende Mehrheit aus dem Speckgürtel anreist, also aus Regionen, die durchaus Alternativen zum Auto bieten. Mit Bahn und Bus dauert‘s vielleicht länger, gilt als unbequem, eben ungewohnt, aber mit gutem Willen ginge es durchaus. So gesehen sind nur die wenigsten aufs Auto „angewiesen“.

Und doch: Sie sind tatsächlich auf ihr Auto angewiesen. Nicht wegen fehlender Alternativen. Sondern weil das Auto Teil der Identität, der Persönlichkeit ist. Man gibt nicht rund 32.000 Euro im Schnitt für einen Neuwagen aus, also gut das Doppelte eines zweckmäßigen PKW, um das Prachtstück unsichtbar für Dritte in der Garage zu verbergen und dann inmitten des Pöbels in der Tram zu sitzen. Mehr noch, nach einer „Aral“-Umfrage (s. ZEIT 51/2018) wird die Autofahrt zur Arbeit mehrheitlich als Entspannung empfunden. Neun von zehn fahren lieber allein als in Fahrgemeinschaft. Im eigenen Auto – selbst im Stau - wähnt man sich Herr der Lage, in Bahn und Bus hingegen fühlt man sich ausgeliefert. 

Unser Staat fördert doch gerade die Autopendler durch entsprechende Steuervorteile, weil es eben gesellschaftlicher Konsens ist, dass sie mental aufs Auto angewiesen sind. Denn jede andere Mobilität wäre würdelos. Und die Würde des Menschen ist unantastbar.

Ein glückliches und staufreies neues Jahr 

wünscht Euch

Werner Geiß

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