Hessen

Kolumne

Kolumne: Autoreise durch Bayern. Glückseligkeit aus Barock, Biergarten und BMW

Von Unterfranken zur Oberpfalz, vom Bayrischen Wald ins Altmühltal: allerorten erfährt man ungetrübten Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Die engen Stadttore bayrischer Kleinstädte sind gerade breit genug für die Geländewagen heimischer Produktion, so dass auf den Marktplätzen eine ausgewogene Symbiose aus malerischen Fassaden, Biergärten und Parkplätzen gelingt. Regelmäßiges Glockengeläut von barocken Kirchtürmen verleiht dem munteren motorisierten Treiben ein kirchliches Hintergrundrauschen, der Begriff Segen wäre wahrhaftig unpassend.

Drum herum bedienen zahlreiche 40-Tonner die weitläufigen Gewerbebetriebe. Die Fahrer steuern ihre Ungetüme geschickt und flott über enge und kurvige Landstraßen. Ein Bedarf an Gleisanschlüssen besteht offensichtlich ebenso wenig wie eine Nachfrage nach öffentlichen Verkehrsmitteln. Weil grad Schulferien sind, behindert weit und breit kein einziger Linienbus den Autoverkehr. Noch vorhandene Bahnhofsgebäude sind als Szenekneipen durchaus nützlich. Fährt man doch mal mit den seltenen Triebwagen der „Waldbahn“, ist man einziger Fahrgast. 

Nicht zu vergessen die vielen Radl-Touristen, die mit ihren Elektrorädern auf breiten Wegen entlang der Flussläufe den Autoverkehr nicht stören.  

Ich bin auf dem Holzweg, wenn ich hier vom Autolärm genervte Anwohner, nach S-Bahnen lechzende Pendler oder unglückliche Konsumenten vermute, die sich den angesagten SUV nicht leisten können. Die Stimmung ist bestens, die Wirtschaft brummt. Eine Verkehrswende braucht hier keiner. 

Wieder daheim, führt der Weg am nächsten Morgen gleich zum Frankfurter Hauptbahnhof. Endlich mal wieder kultiviert reisen! Nun ja, der ICE nach Basel fällt aus, der nach Hamburg auch, dessen Ersatzzug hat Triebfahrzeugschaden. Der nach München steht zwar da, ist aber auch kaputt. Also nach Dortmund. Umleitung wegen „Notarzteinsatz am Gleis“. Zurück Selbiges gleich zweimal. Dann Triebfahrzeugschaden auf der Schnellstrecke Köln - Frankfurt. Evakuierung. Bilanz: Über vier Stunden Verspätung. Hektisch buchen die Fahrgäste per Smartphone ihre Fernflugreisen um, weil sie den Frankfurter Flughafen zu spät erreichen.

Wiewohl die Wissenschaft und seriöse Volksvertreter den Verkehr klar als Treiber des unleugbaren Klimawandels ausgemacht haben, stehen die Chancen für die Verkehrswende denkbar schlecht. Macht Autofahren und Fliegen doch glücklich? Ist die Bahn wirklich die Alternative? 

Mir fällt gerade keine neue Strategie ein. Wie wollen wir nun die Gesellschaft von der Verkehrswende überzeugen? Wer hat ´ne Idee?

Euer ratloser Werner Geiß

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