Hessen

Kolumne

Kolumne: Heimat

Um den so umstrittenen, nun aber durch ein Ministerium geadelten Begriff Heimat zu definieren, um diese Sehnsucht wörtlich genommen zu erfahren, bedarf es der Mobilität. Versuch einer Bestandsaufnahme.

-        Heimat ist zunächst unser Wohnquartier, in dem die Reihenhäuschen eingebettet sind in unseren kostbarsten Besitz, die dicht an dicht geparkten Autos. Dies aber nur über Nacht, denn allmorgendlich besteigen wir unser rollendes Wohnzimmer, um in heimatlichem Ambiente den Arbeitsplatz zu erreichen. Wir lassen uns von unwirtlicher Umgebung nicht ablenken, indem der Blick aufs „Navi“ gerichtet ist und die verdrahteten Ohren gewohnter Popmusik lauschen. Auf dem Heimweg jedoch sucht das Auge verzweifelt autofreien heimatlichen Boden, nämlich den letzten freien Parkplatz vorm Reihenhaus.

-        Heimat ist Stau, Autobahn, Parkhaus, Rasthaus, Tanke: All jene Infrastruktur, die unser so hochkultiviertes mobiles Leben im rollenden Wohnzimmer vom primitiven Nomadendasein unterscheidet.

-        Heimat ist dem Zeitgeist entsprechend sehr digital: Bildschirme aller Größen und Kopfhörer vermitteln in idealer Weise unterwegs und allerorten den gewohnten Lebensstil, der uns vor unwirtlicher analoger Umgebung verschont. So wir öffentliche Verkehrsmittel nutzen, richtet sich schon auf dem Weg zum Bahnsteig der Blick konsequent aufs Smartphone, wobei wir gelegentlich analoge, ergo heimatlose Passanten umrennen. Durch lautstarkes Telefonieren lassen wir die Mitreisenden an unseren heimatlichen Werten teilhaben.

-        Heimat ist Strand. Feiner, weißer, tropischer Sand am Strand. Dort, wo man nach mindestens 12 Flugstunden nur fröhliche Landsleute trifft. Heimat ist aber zwangsweise auch das quälende, stundenlange Einchecken am Frankfurter Flughafen.

-        Heimat ist Togo. Nein, nicht jener afrikanische Staat, sondern die globalisierte, mobile Ernährung, kredenzt in praktischer Pappendeckel-Verpackung: Coffee, Pizza, Wraps, Smoothies, Burger, Döner…, alles to go.  Gibt’s alles an der Tanke.

Heimat ist also keineswegs ein geographischer Begriff. Die Älteren unter uns sollten die „Heimatkunde“ aus der Grundschulzeit vergessen. Heimatliche Identität hat nichts mehr mit Landesgrenzen, Regionen und Städten zu tun. Wer in Frankfurt den ICE nach Hamburg besteigt, erfährt mitunter, dass „der Zug heute leider nicht in Zürich hält, dafür zusätzlich in Fulda.“ Nur spießige, ältere Reisende zeigen sich irritiert, zumal Zürich streng genommen nicht Bestandteil deutscher Heimat ist. Aufruhr verursacht hingegen die Botschaft im selben ICE, dass „der Zug heute nur bis Kiel fährt“. Also nicht nach Hamburg? Dass der Zug nach dem Halt in Hamburg sogar weiter bis nach Kiel fährt, begreifen weder Zugpersonal noch heimatverbundene Reisende. Wer will schon nach Kiel? Der Strand von Phuket und Shopping in New York wecken heimatliche Gefühle.

 Es ist fraglich, ob sich all dies mit den Vorstellungen von Heimatminister Seehofer deckt. Ob er derlei heimatliche Sitten durch sein staatliches Walten wirklich fördern will. Wenn er Barock, Bockbier, Bratwurst, Blasmusik oder Heimatmuseen meint, ist er auf dem Holzweg.

Herzliche Grüße,
Euer Werner Geiß

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