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Kolumne: Macht Rasen glücklich?

Nachahmung ist eine herausragende menschliche Eigenschaft. Gerade weil gute Ideen eifrig adaptiert wurden, erlangten die Menschen in ihrer Geschichte einen Vorsprung vor allen anderen Spezies. Ihren Bewegungsdrang konnten so die vergleichsweise lahmen Zweibeiner durch die Nutzung des Rades bald weltweit befriedigen. Es ist also zu vermuten, dass Nachahmen, also das zu tun, was doch alle machen, glücklich macht.

Heute sind es aber nicht mehr geniale Erfindungen, deren Verbreitung durch Weitersagen unseren Wohlstand stetig mehren, sondern profitable, gleichwohl unnütze Mobilitätsgewohnheiten. Für deren Verbreitung sorgt eine allmächtige „Wirtschaft“, die jenen Nachahmungstrieb genial zur Erzeugung von Begehrlichkeiten zu nutzen weiß. Flugtourismus, Schiffskreuzfahrten und natürlich große, starke, schnelle Autos, die ohne Tempolimit „ausgefahren“ (der Begriff „rasen“ gilt als unpassend) werden, sind eine Selbstverständlichkeit, womöglich Grundlage menschlicher Glückseligkeit. Dummerweise ist nun wissenschaftlich erwiesen, dass derlei Mobilität das Klima erhitzt und damit die Menschheit zugrunde richten könnte.

Das Glücksempfinden beim Nachahmen beruht gerade darauf, dass man eben nicht über dessen Sinn und Zweck nachdenkt. Deshalb die äußerst gereizte Reaktion auf Tempolimits oder Dieselfahrverbote. Trotz nüchterner Erkenntnisse erfahren Wissenschaftler, Umweltschützer und Juristen heftige unsachliche Gegenwehr, ebenso unsere freitags protestierenden minderjährigen Kinder und Enkel, die ja keinen Führerschein haben und weder Flug- noch Schiffsreisen buchen dürfen, ergo vom Nachahmfieber noch nicht erfasst und deshalb bei klarem Verstand sind. All diese Spielverderber sollen endlich die Klappe halten, wir wollen Spaß.

Allerdings sorgt die „Wirtschaft“ stets dafür, dass das Glück nicht in Zufriedenheit mündet, denn das wäre ja ganz schlecht für den Umsatz, fürs „Wachstum“. Also werden permanent mehr und neue Produkte lanciert, die neue Begehrlichkeiten bewirken und erst durch massenhaften Erwerb wieder Glückseligkeit erzeugen.

Dieser revolvierende Prozess senkt aber die Teilhabe am Glück, denn immer mehr Konsumenten können finanziell nicht mehr mithalten. Es frustriert eben, wenn der vorhandene Geländewagen noch nicht abbezahlt ist, während der Nachbar schon mit dem neuen, größeren SUV protzt. Wenngleich einer überwiegenden Mehrheit die Jagd nach dem steten Konsumglück gelingt, gibt es immer mehr unglückliche Verlierer, die dann Populisten anheimfallen.

Angesichts der kurzen Legislaturperioden ist es nur logisch, dass Verkehrsminister Scheuer dem Glück seiner in die Jahre gekommen, meist männlichen Stammwähler Priorität vor den künftigen Lebensbedingungen der Kinder und Enkel einräumt, die ja nicht mal wählen dürfen. Damit Priorität auch vor wissenschaftlichen Erkenntnissen, Vernunft, Moral und dem Grundgesetz. Scheuers Fazit: Ein Tempolimit wäre „gegen jeden Menschenverstand“. Jeden? Die Schweizer haben sich – ihrem Menschenverstand folgend - für die strikte Überwachung ihrer strikten Tempolimits und knallharte Sanktionen entschieden, haben damit ihre Straßen mit zu den sichersten der Welt gemacht. Dort macht Rasen unglücklich. Denn wer mit 200 Sachen unterwegs ist, kann bis zu vier Jahre im Knast landen, wo er dann hinreichend Zeit findet, um über Glück und Menschenverstand nachzudenken. Herr Scheuer und alle bundesdeutschen „Autosportler“ sollten bitte auch mal drüber nachdenken, was allerdings gesunden Menschenverstand erfordert.

Herzliche Grüße
Euer Werner Geiß

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