Hessen

Kolumne, Hessen, Flugverkehr, Verkehrslärm

Nordwind – ein höchst seltenes Naturereignis. Startende Flugzeuge in meinem Bett – ein neues Phänomen.

Dass der Nordwind jemals im Rhein-Main-Gebiet blasen würde, damit hat doch niemand gerechnet. Am wenigsten der Flughafenbetreiber Fraport.

Der Flugverkehr nimmt permanent zu, zum Wohlgefallen der Fraport-Eigner, zum Nachteil der Bevölkerung im Ballungsraum, die ebenfalls zunimmt.
Nur selten lässt sich die wachsende Zahl der Flugbewegungen noch zwischen fünf und 23 Uhr abwickeln. Bei Nordwind aber braucht man definitiv die Nacht!

Dann ist die Startbahn West - nur zugelassen für Starts nach Süden - nicht zu gebrauchen. Denn Flugzeuge starten gegen den Wind, mit Rückenwind geht’s nicht.
Die übrigen Bahnen reichen dann angeblich nicht aus, um den Verkehr ohne Nachtbetrieb abzuwickeln. Deshalb dröhnten auch gestern Nacht (am 11. April) die startenden Jets im Minutenabstand über Neu-Isenburg, Frankfurt und Offenbach hinweg, weil die nordöstliche Startrichtung („Runway 07“) die einzig geeignete ist.

Um 23 Uhr 33 tobte der letzte Langstreckenjet, vom Nordwind etwas abgetrieben, dicht über Neu-Isenburg hinweg. Heute Morgen um fünf Uhr zwei dann der erste des Tages. War also mal wieder eine kurze Nacht. Bestätigt von der Landesregierung, blüht uns solches Nachtinferno regelmäßig. Zumindest bei Nordwind.

Es ist schon grotesk. Nachdem schon vor Jahrzehnten weltweit alle vergleichbaren Luftfahrtdrehkreuze an die Peripherie der Ballungsräume verlegt waren, verblieb der wachsende Frankfurter Flughafen inmitten dichtester Besiedlung, die ebenfalls weiter zunehmen wird. Zwei Entwicklungen, die einander ausschließen.

Was tun?

  • Bedarfsgerechte Verlagerung des Fernflugverkehrs auf alle deutschen Metropol- regionen durch Nutzung der neuen leisen und sparsamen Flugzeuggeneration, die globale Ziele ohne Zubringerflüge und Umsteigen an einem „Drehkreuz“ direkt verbinden können.
    Das wäre aber geschäftsschädigend für Fraport und die Lufthansa, die ihre riesigen, veralteten, lauten Langstreckenflieger weiter gewinnbringend einsetzen will.

  • Nutzung der Startbahn West auch in nördlicher Richtung. Geht nicht wegen der Hindernisse in den Ausläufern des Taunus (womit nicht unbedingt das leicht ansteigende Gelände, sondern der politische Einfluss der dort ansässigen Geldelite gemeint sein mag).

  • Die öffentlichen Fraport-Mehrheitseigner besinnen sich auf ihre Verpflichtung fürs Gemeinwohl und schränken den Betrieb auf leise Flugzeuge ein.
    Flugverbot in der gesetzlichen Nacht zwischen 22 und sechs Uhr!

  • Oder: Die verantwortliche Politik verlegt das lärmsensible Rhein-Main-Gebiet samt wachsender Bevölkerung in den Odenwald, damit auch der Flugbetrieb weiter wachsen kann.

„Ethik der Mobilität“ war letzte Woche der Titel einer bundesweit beachteten Tagung am Flughafen, wohl auch getrieben vom Jugendprotest „Fridays for Future“. Vor dem Hintergrund der moralischen Debatte um klimaschädliche Konsum- und Reisegewohnheiten erscheint die Kapitulation der Landespolitik vor den nun anscheinend notwendigen Konsequenzen aufgrund des Nordwindes absurd. Zur Wahrung des gesellschaftlichen Vertrauens in den Rechtsstaat und in die gewählte Volksvertretung muss diese jetzt unbedingt entscheiden. Zugunsten des Gemeinwohls und zulasten des Flugverkehrs. Denn der Nordwind wird auch künftig wehen.

Windige Grüße,

Euer Werner Geiß

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