Hessen

Lebensstil, Kolumne

Kolumne: Ratlos in der Öko-Blase

Wenn’s um Klimaschutz und Verkehrswende geht, treffen sich regelmäßig viele Engagierte im Sitzungssaal des Kleinstadt-Rathauses

und werden von der lokalen Politik durchaus gewürdigt. Organisiert in Bürgerinitiativen und bundesweiten Umweltverbänden finden sie auch reichlich Echo in der örtlichen Presse. Bei ihren Aktionen wie dem „Parking Day“ äußern viele Passanten Sympathie für die ökologischen Ziele. Steht also die Mehrheit einer offensichtlich doch aufgeklärten Gesellschaft hinter den Klimazielen?

Mitnichten!

Auf dem abendlichen Heimweg vom Rathaus balanciert man an den nahtlos auf dem Fußweg aneinandergereihten Autos vorbei, Radler werden gnadenlos geschnitten. Fragt man höflich nach dem Grund, warum man als Fußgänger oder Radler dermaßen behindert wird, gibt’s bestenfalls derbe Flüche, mitunter auch körperliche Attacken. Das ist also nicht das Volk der Dichter und Denker, nicht die aufgeklärte Gesellschaft. Im Schnitt hat hier jeder Haushalt zwei Autos, macht alljährlich mehrere Flugreisen, gern auch Schiffskreuzfahrten. Diese ansonsten sehr schweigsame Konsumgesellschaft engagiert sich nicht öffentlich für hehre Ziele, verursacht hingegen maßgeblich die miserable Klimabilanz der Republik. Und gestaltet die Wahlergebnisse auf allen Ebenen. Denn sie bildet nun mal die Mehrheit der Wahlberechtigten. Wer bislang naiv dem Glauben an aufgeklärte Mehrheiten erlag, wurde nun drastisch durch den Volksentscheid gegen die Straßenbahn in Wiesbaden (neben Kiel einzige schienenfreie Landeshauptstadt) eines Besseren belehrt.

Liebe Ökos: Aufwachen!

Auch wenn wir viel lauter auftreten: Wir sind die Minderheit! Die illustren Presseechos auf Radentscheide spiegeln nicht Volkes Meinung. „Stadt für Menschen statt für Autos“? Ja, die Mehrheit der Menschen will tatsächlich in die Stadt. Aber mit dem Auto. Und dort parken.

Wir Ökos mögen uns durch Medienpräsenz und immer mehr Mitstreiter bestätigt fühlen. Und doch verbleiben wir mit unseren Forderungen – die schon vor 30 Jahren ähnlich klangen – in unserer Blase. Wenn wir’s wirklich ernst meinen, müssen wir den Kontakt zur schweigenden Konsumgesellschaft suchen. Wir müssen vermitteln, dass die Gewohnheiten der Masse eben nicht Recht, Anstand, Verstand, Moral und Kultur ersetzen.

Corona ist jetzt unsere Chance: Viel klimaschädlicher Statuskonsum - Flug- und Schiffstourismus, Protzen mit dem teuren Auto… -  funktioniert grad nicht so recht: Präsentieren wir der frustrierten Konsumgesellschaft die wahren Werte. Wir sind jetzt wieder das Volk der Dichter und Denker, wir ersetzen motorisierte durch geistige Mobilität. Nicht mehr der SUV unter der Straßenlaterne sondern das gut gefüllte Bücherregal und das zeitgenössische Kunstwerk im Hintergrund bei der Videokonferenz sind die neuen Statussymbole!

Ihr Werner Geiß

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