Hessen

Hessen, Verkehrspolitik, Kolumne

Kolumne: Verkehrtwende

Was ist wichtiger: Wachstum, Beschäftigung, Bürgerwille?

Oder Verkehrswende?

 

Das deutsche Wirtschaftsprinzip funktioniert bislang zuverlässig: unsere so tüchtige Industrie liefert immer mehr, immer größere Vehikel – die von ebenso tüchtigen Werbeagenturen global erfolgreich vermarktet werden. Die „sozialen Medien“ beschleunigen den Trend zum angepassten, nein: angesagten Mobilitätsverhalten. Das Wohlbefinden, sogar die gesellschaftliche Teilhabe von Konsumenten in aller Welt hängt vom Besitz deutscher Premium-Autos, von Billigflügen im deutschen Airbus 320, von den Kreuzfahrten auf den gigantischen Schiffen der Meyer-Werft ab.

 

Zweifellos bieten diese Industrien viele leidlich gut bezahlte Jobs, steigern das Bruttoinlandsprodukt (was gemeinhin als „Wachstum“ definiert wird), liefern das, was die mündigen (?) Bürger wollen, scheinbar ganz dringend brauchen. Solange so definierte Begriffe für Beschäftigung, Wachstum und Bürgerwille von Politik und Wahlvolk als wichtigste Werte der Gesellschaft aufgefasst werden, wird das nichts mit der Verkehrswende.

 

Im Bewusstsein solch betonierter Vorgaben flüchten sich die immer zahlreicheren Tagungen um die Verkehrswende auf Nebenschauplätze. Behörden, Politik, engagierte Bürger und Umweltverbände diskutieren leidenschaftlich über Seilbahnen, Lastenfahrräder, Tretroller und Fahrradständer. Anwesende frustrierte Wissenschaftler beschränken sich auf sarkastische Bemerkungen, im Bewusstsein, dass wieder mal die wesentlichen Kriterien einer Verkehrswende umgangen werden.

 

Also höchste Zeit, die Merkmale deutschen Wohlbefindens und damit deutscher Mobilität zu revidieren:

 

Wachstum: Wachsen soll der Wohlstand der Gesellschaft. Und nicht die uralte Kennziffer „BIP“ (Bruttoinlandsprodukt), die z.B. auch dann steigt, wenn ein Radfahrer von einem LKW überfahren wird und schwerverletzt im Krankenhaus landet, dort immense Heilungskosten verursacht, die sodann das BIP steigern. Gesellschaftlicher Wohlstand hängt doch viel mehr ab von der Einkommensverteilung, den Bildungsinvestitionen, Klima- und Umweltbelastungen, den Vorkehrungen dagegen, dem ehrenamtlichen Engagement und diversen anderen Faktoren, die z.B. im nationalen Wohlstandsindex (NWI) enthalten sind, nicht aber im „BIP“, das nur Umsätze addiert. Der hessische Koalitionsvertrag strebt z.B. auf Anregung eines VCD-Mitgliedes eine adäquate Wohlstandsbewertung an.

 

Beschäftigung: Nicht jeder siebte, sondern nur etwa jeder 22. Job hängt vom Auto ab. Rund 850.000 Werktätige sind in der Auto- und Zuliefererindustrie beschäftigt. Inklusive Linienbusse für den ÖPNV. Trotzdem schaffen mehr Menschen allein bei Caritas und Diakonie als bei Auto-, Flugzeugindustrie und zivilem Schiffbau zusammen. Entscheidend für die Beschäftigung und damit den Wohlstand ist die „Lohnquote“, also der Anteil der Lohnkosten am Umsatz. Und die ist bei der Autoindustrie mit ca. 12% extrem niedrig. Wer sein sauer Erspartes nicht für den dicken SUV, sondern für Bahn und Bus, Bildung, Kunst, Kultur und Literatur ausgibt, erzeugt viel mehr Jobs, viel mehr Wohlstand, obwohl das „BIP“ dann sogar sinkt.

 

Bürgerwille: Ganz schwieriges Thema.

  • Weil Bürgerwille mitunter das Gemeinwohl den Eigeninteressen unterordnet. Dank Bürgerbeteiligung dauert die Realisierung von Schienenprojekten rund 25 Jahre, viel zu lange für die dringende Verkehrswende.
  • Weil Bürgerwille in Wahrheit „Wirtschaftswille“ ist. Denn der Autoindustrie, den Flug- und Kreuzfahrttouristikbranchen ist es gelungen, ihre Angebote den Konsumenten als absolut unverzichtbares Bedürfnis zu suggerieren. Das Statussymbol dominiert längst über die Mobilitätsfunktion.

Und die verantwortlichen, demokratisch gewählten Volksvertreter müssen diesen Bürgerwillen, konkreter: den Wählerwillen nun mal respektieren, allein schon aus Gründen des Machterhalts.

 

Die anspruchsvolle Aufgabe der Politik ist es also, die Konsumgesellschaft wieder in eine aufgeklärte Zivilgesellschaft zu verwandeln. Die sich ihre gesellschaftliche Teilhabe nicht durch fremdbestimmte Konsumgewohnheiten diktieren lässt. Die gemeinnützige Schienenprojekte nicht um des persönlichen Vorteils („nicht hinter unserem Haus!“) willen verhindert. Wie die Europawahl zeigt, haben das nicht nur die Kinder und Enkel begriffen, sondern auch viele wahlberechtigte Eltern und Großeltern.

 

 

Fazit: Eine effektive Verkehrswende ersetzt motorisierte durch geistige Mobilität, bewirkt also einen gesellschaftlichen Wertewandel. Dann wird es gelingen, die Klimakrise zu bremsen und zugleich Wohlstand, Wachstum, Beschäftigung und damit einen freien, nicht manipulierten Bürgerwillen zu stärken.

zurück