Hessen

Kolumne, Tourismus

Kolumne: Wie viel Tourismus können wir noch aushalten?

Acht Prozent des Klimaeffekts entfallen auf den globalen Tourismus, Sekundäreffekte auf Reiseflughöhe nicht mal eingerechnet. Und die Deutschen bleiben Reiseweltmeister, bezogen auf die Einwohnerzahl, haben also großen Anteil am Klimawandel in den heimgesuchten Weltregionen.

Sie haben auch Anteil am wachsenden Verdruss, den die Gastgeber dort angesichts dominanter Gewohnheiten der Gäste erleiden. Verdruss erzeugt weniger die Neugier auf Sehenswürdigkeiten als ein feucht-fröhliches Strandleben, das örtliche Sitten missachtet.

Ohnehin verlieren analoge Sehenswürdigkeiten gegenüber digitalen Bildschirmangeboten massiv an Bedeutung. Endlich oben auf dem Eifelturm, dem Empire State Building oder schlicht dem Hamburger Dock Land angekommen, richtet sich der Blick schnell wieder aufs Smartphone, das inzwischen viele neue Nachrichten bietet. Nach einem Selfie dürfen wir endlich wieder runter. Auch auf der Zugfahrt durchs Weltwerbe Mittelrhein werden die Rollos runtergezogen, damit die Sonne nicht den Bildschirmkontrast mindert. Mit Kopfhörern und starrem Blick auf den Bildschirm signalisiert man den analogen Nachbarn, dass man nicht gestört werden will, schon gar nicht mit dämlichen Hinweisen auf einmalige Sehenswürdigkeiten.

Dass die Heimgesuchten neben Müll, Lärm, Abgasen auch steigende Konsumgüter-, Gastronomie- und Immobilienpreise aushalten müssen, betrifft längst auch deutsche Regionen. Knapper Wohnraum wird touristisch zweckentfremdet, traditionelle Gastronomie wird lautstark okkupiert oder weicht internationalen Ketten, die mehr Profit versprechen. Nicht nur in Venedig, Amsterdam und Barcelona, auch in Berlin und München nerven die vorlauten Gäste.

Und Fernflugtouristen aus ganz Deutschland reisen massenhaft nach Frankfurt. Weniger, um die neu eröffnete Altstadt-Attrappe zu besichtigen, sondern um am „Luftfahrtdrehkreuz“ zu tropischen Stränden abzuheben. Begrenzt ist die Begeisterung der Rhein-Main-Bevölkerung über derartige Besuchermassen, deren Gastgeschenk sich auf den Fluglärm und Dreck der Zubringerflüge und der noch viel lauteren Langstreckenjets beschränkt.

Auf riesigen schwimmenden Luxus-Gefängnissen wird Reisen gänzlich zum Selbstzweck, somit zweckentfremdet. Nicht nur in Venedig, auch in Kiel und Warnemünde überragen die Kreuzfahrtschiffe das Stadtbild, nicht gerade zur Freude der Einheimischen. Wiewohl Hamburg über zwei Terminals in prominenter Lage verfügt, müssen „AIDA“-Touristen nun in einem entlegenen Hafenbecken ihren Dampfer entern. Auch am niederländischen Ijsselmeer wurden schon die Anleger für deutsche Saufbootstouren an den Stadtrand verlegt.

Darf man hoffen, dass vermeintlicher Bildungstourismus sukzessive durch viel spannendere digitale Angebote ersetzt wird? Dass sich erlebnishungrige Strandurlauber geläutert aus Malle, DomRep, Phuket und von den Malediven zurückziehen und mit der Bahn zur Nordsee reisen? Dass nicht nur in Venedig, sondern auch in den Abreisehäfen die überdimensionalen Promenadendampfer verbannt werden?

Wenn eine globale Verkehrswende im Sinne der UN-Klimaschutzziele gelingen soll, müssten die Umweltverbände auch die Interessen der vom Tourismus Benachteiligten wahrnehmen. Ziel wäre ein Interessenausgleich zwischen deutschen Touristen und zunächst europäischen Zielregionen, wobei unser Dachverband T&E vermitteln könnte. Erster Schritt wäre aber sicher ein Diskurs rund um den Frankfurter Flughafen.

Frohe Ferien wünscht Euch Euer
Werner Geiß

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