Hessen

Bahn & Bus, Kolumne

Rückblick auf 200.000 km mit dem ÖV. Da war keine Verkehrswende.

Am 12.12. war’s soweit: Auf der sagenumwobenen Neubaustrecke, irgendwo im Thüringer Wald, hatte ich 200.000 km seit Jahresbeginn überstanden, in ICE, Schwebe- und Zahnradbahnen, TGV und Hafenfähren. Also höchste Zeit, Bilanz zu ziehen.

Eines vorweg: die Bilanz ist geschönt. Denn gut ein Drittel der geplanten Ziele habe ich nicht erreicht, weil der betreffende Zug nicht da war. Deshalb richtete sich das Reiseziel nach den vorhandenen, abfahrbereiten Zügen. Merke: Selbst im Nieselregen gibt’s auch in Biele- oder Bitterfeld viel zu entdecken; München kennt doch jeder.

Aber jetzt zu den Details:

  • Die Hälfte der Fernzüge war umgekehrt gereiht (positiv denken: die Hälfte war richtig gereiht!)
  • Deutlich mehr, ca. 60%, hatten sogar Reservierungsanzeigen an den Sitzen
  • Das Fahrplanblättchen lag immerhin in jedem vierten Fernzug aus
  • In allen Fernzügen fand sich noch mindestens ein funktionsfähiges Klo
  • Desgleichen mindestens ein Wagen mit funktionierender Klimaanlage
  • Hingegen wurden die amtlichen „Außer Betrieb“-Klebezettel knapp: an diversen defekten Klos und Türen musste improvisiert werden.
  • 70 Stunden Verspätung, incl. Frankfurter ÖPNV 75 Stunden

davon für den Reisenden erkennbar wegen

  • 12 Signalstörungen
  • 5 Weichenstörungen (der Totalausfall aller nordrhein-westfälischen, verschneiten Weichen am 10.12. wird als eine Störung erfasst)
  • 6 Oberleitungsstörungen
  • 2 Stellwerksstörungen
  • 13 Triebfahrzeugstörungen
  • 2 Bahnübergangsstörungen
  • 21 Umleitungen

Dazu etwa 50 Zwangsbremsungen, ca. 80 Umleitungen über Neben- oder Gegengleise, durch Rangierbahnhöfe, ohne dass der Grund ersichtlich war (keine Baustelle, keine Überholung). Zu Unrecht wird über unzureichende Information geklagt, denn das Personal erfährt vom geheimnisvollen Geschäftsbereich „DB Netze“ doch auch nicht, warum es nicht weiter geht. Selbst die Lokführer betteln dauertelefonierend um Infos. Kein Wunder, dass mitunter „Personenunfälle“ Umleitungen verursachen, die in Wahrheit dem Schneefall geschuldet sind. Diese lästigen Fahrgäste sind eben nur mit einer plausiblen Erklärung zu beruhigen.

Nun mag man einwenden, dass 200.000 km als statistische Grundlage nicht ausreichen. Oft hörte ich von Eisenbahn-affinen Mitstreitern, dass mein Jammern über Verspätungen übertrieben sei, sooo schlimm sei es ja gar nicht. Gern akzeptiere ich Erkenntnisse von Reisenden, die deutlich mehr als 200.000 Km im Jahr zurücklegen. Ohnehin lassen sich Statistiken sehr unterschiedlich interpretieren: Gut zwei Minuten Verspätung auf 100 Bahn-Km klingen ja schon viel harmloser als 70 Stunden bzw. 3 Tage Verspätung pro Jahr. .

Mein subjektives Fazit: Eine ökologische Verkehrswende ist bislang nicht erkennbar. Hingegen wurde die Qualität des Schienenverkehrs den Belangen unserer vom Dieselskandal so gebeutelten Autoindustrie angepasst. Nur mit argen Gewissensbissen ermahne ich deshalb Mitbürger zum Umstieg von Auto und Kurzstreckenflug auf die so perfekte, schnelle und zuverlässige Eisenbahn.

p.s.: die neue BahnCard100 für 2018 habe ich schon. Ist wohl so eine Art Masochismus.

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