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Warum ich mich meistens vor der Montagsdemo gedrückt habe

Frankfurt, 27.08.2018:

Vortrag von VCD-Vorstandsmitglied Werner Geiß am 27. August 2018 bei der Montagsdemo im Flughafenterminal des Frankfurter Flughafens.

Die Montagsdemo am Flughafen hat längst Tradition. Im Jahrzehnte währenden Kampf gegen den permanent wachsenden Flugverkehr wurden dessen Folgewirkungen akribisch untersucht, daraus fundiert begründete Forderungen an die Luftfahrtwirtschaft und vor allem an die Politik vorgetragen. Deren Vertreter sind aber meistens gar nicht hier.

Hier sind aber viele der ursächlich Verantwortlichen. Deren Verhalten haben wir meist höflich geschont, wiewohl sie doch in großen Massen zugegen sind und unseren Protest eher ignorieren: die Flugreisenden. Ermutigt durch viele wissenschaftliche Beiträge über klimaschädliche Konsum- und Reisegewohnheiten, aufgrund aktueller Analysen zum globalen Massentourismus in den Medien – ZEIT, Spiegel etc. - aber auch eines wegen der Hitzewelle wachsenden Bewusstseins für den Klimawandel wage ich nun, die Frage nach einer Verantwortung der Flugreisenden zu stellen.

Insbesondere die zahlenmäßig dominanten Flugtouristen aus der gesamten Republik bevorzugen offensichtlich solche tropischen Strände, die nur von Frankfurt aus zu erreichen sind. Angereist mit Zubringerflügen, Auto oder ICE, beehren sie unsere Region nicht etwa wegen unserer Sehenswürdigkeiten, sondern gefühlt nur, um uns Anwohnern unsäglichen Lärm und giftige Abgase zu bescheren. Eine andere Wahrnehmung gelingt uns Betroffenen kaum, denn am erholsamen Strandleben können wir ja nicht teilnehmen.

Deutschland hat in der EU wohl das dichteste Netz an Flughäfen, davon etliche, die für interkontinentalen Fernflugtourismus gut geeignet sind. Warum partout ferne Urlaubsziele, die nur von Frankfurt aus angeflogen werden?

Denn die mit Abstand schlimmsten Krachmacher sind all jene veralteten Blechriesen, die in Frankfurt – zumal von der Lufthansa – fürs „Drehkreuz“ im Interkontinentalverkehr eingesetzt werden. Eindeutig nachzulesen auf der Lärmentgeltetabelle, und akustisch bis tief in die Nacht wahrzunehmen.

Wir brauchen endlich eine gesellschaftliche Debatte! Konkret: dürfen wir den Flugtouristen den immensen Schaden erläutern und vorhalten, den sie Hundertausenden unschuldiger Bürger im dicht besiedelten Ballungsraum zufügen? Sollten sie zur Kenntnis nehmen, dass sie den wohl ungeeignetsten Standort eines Großflughafens für ihre Konsumgewohnheiten missbrauchen?

Oder müssen wir den Fluglärm ertragen, weil Flugtourismus ein fest etabliertes Statuskonsumgut ist? Sind die angesagten Urlaubsaufenthalte schlicht unverzichtbare gesellschaftliche Teilhabe? Mit den Argumenten des prominenten Soziologen Bourdieu wird mir oft vorgehalten, bei meinen abweichenden Wertvorstellungen hätte ich gut reden, für viele seien klar definierte Konsumgewohnheiten unverzichtbar.

Solche Konsumgewohnheiten sind aber für alle Steuerzahler sehr teuer. Denn Flugverkehr ist steuerfrei. Je mehr Flugreisen nachgefragt werden, desto größer das Loch im Staatshaushalt, das dann die Konsumenten anderer Ware mit hoher Mehrwertsteuer stopfen müssen. Selbst für Kulturgüter wie etwa bildende Kunst sind jetzt 19% fällig. Wer viel fliegt, bereichert sich auf Kosten der Allgemeinheit. Nebenbei verursacht eine Fernflugreise rund 3 Tonnen CO2-Äquivalent, also mehr als einem Erdenbürger jährlich zusteht, nämlich maximal 2 ½ Tonnen, um die Klimaschutzziele einzuhalten.

All dies anwesenden Flugtouristen vorzuhalten, habe ich mich bislang nicht getraut, kam deshalb auch nicht mehr zur Demo. Ich hab mich auch deshalb nicht getraut, weil vielleicht auch wir selbst mitunter der Versuchung erliegen, hier zur Flugreise abzuheben, damit den Lärm und Dreck selbst zu verursachen, über den wir uns aufregen (Ich war mal Privatpilot, habe also selbst ein entsprechendes Sündenregister).

Welche Lösungen sind vorstellbar?

  • Wer unbedingt fliegen will, selbst zu Zielen auf anderen, fernen Kontinenten, sollte solche Verbindungen wählen, die vom nächst gelegenen Flughafen zu erreichen sind. Und nicht nur von Frankfurt aus. Liebe Flugtouristen, wir Rhein-Mainer sind nicht der Mülleimer eurer Konsumgewohnheiten!
  • Anders fliegen: Achten Sie auf den vorgesehenen Flugzeugtyp ihrer geplanten Fernflugreise. Nur die neue Flugzeuggeneration aus Verbundwerkstoff – Boeing 787 und Airbus 350 – startet so leise, das es für unseren Ballungsraum gerade noch vertretbar ist. Obendrein sind diese Modelle um ca. 25% sparsamer als die veralteten Blechriesen und belasten Umwelt und Klima entsprechend weniger.
  • Seltener fliegen: Eine Flugreise pro Jahr sollte reichen. Eine Fernflugreise höchstens alle drei Jahre. Wenn schon Fliegen, dann gestalten und genießen Sie die Flugreise als intensives Kulturereignis, mehr als nur eben mal zum tropischen Strand und Shopping.
  • Kostenbewusst fliegen: bedenken Sie: der Ticketpreis deckt nur einen kleinen Teil der volkswirtschaftlichen Kosten. Den größeren Teil tragen lärmgeplagte Anwohner, die vom Tourismus genervten und geschädigten Anwohner der Reiseziele und insbesondere unsere Kinder und Enkel, die die Klimafolgen ertragen müssen.
  • Klüger konsumieren: Flugtourismus „macht doch jeder“, ein Massenphänomen von schwindendem Wert für das Individuum, für unser Selbstbewusstsein. Das „Volk der Dichter und Denker“ sollte doch nach anderen, wahren Werten streben: Literatur, Kunst, Theater, Konzert, Oper. Bildung ist jetzt wieder Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, und nicht mehr Shopping in New York. Klar, auch Reisen bildet. Allein in Deutschland gibt’s rund 40 Weltkulturerbestätten. Da kommt man mit der Bahn hin. Waren Sie schon da?


Wiewohl mehrheitlich im öffentlichen Eigentum, verfolgt der Flughafenbetreiber konsequent betriebswirtschaftliche Ziele. Die Landes- und Kommunalpolitik betont stets ihren geringen Einfluss auf den Flugverkehr. Wie ich am Samstag im Bundesverkehrsministerium erfahren musste, ist der Einfluss der Kommunal- und Landespolitik leider wirklich so minimal, wie uns Minister Al Wazir beteuert. Also bleibt uns nur, an die Verantwortung der Bürger, der Konsumenten, konkret: der Flugreisenden aus der gesamten Republik zu appellieren.

Ich bin überzeugt: Wer die Konsequenzen und Alternativen wirklich begreift und akzeptiert, wird nicht mit Gleichgültigkeit oder gar Wut, sondern mit Einsicht reagieren und sein Konsumverhalten überdenken.

Also nicht nur über die Konsumenten, sondern mit ihnen diskutieren.

Werner Geiß, Frankfurt 27. August 2018

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