Kolumne
Landesverband Hessen
Den Blick konsequent aufs Smartphone gerichtet, kommuniziert die Gesellschaft fast pausenlos, zur Sorge vieler Soziologen, die den Verlust wesentlicher Werte und einen Sittenverfall befürchten. Die Betreiber öffentlicher Verkehrsmittel machen da eine Ausnahme. Allen voran die Deutsche Bahn.
Der ohnehin schon arg verspätete ICE bleibt auf freier Strecke stehen. Auf einem Ausweichgleis nebendran wartet ein Nahverkehrszug. Eine Viertelstunde beunruhigende Stille. Dann endlich die Botschaft: Signalstörung. Eine Weile später setzt sich der Bummelzug nebenan in Bewegung. Empörung der Reisenden. Wieso darf der zuerst? Wir haben doch eh schon viel Verspätung! Entnervt und doch fachkundig erläutert der Zugchef, dass die für die Signale und Weichen zuständige Konzernabteilung „DB Netze“ autonom entscheidet, wer zuerst fahren darf. Kommunikation und Koordination seien kaum möglich, weil das eben ein eigenständiger, auch gewinnorientierter Geschäftsbereich sei. Folglich müssen also die Kunden alle Geschäftsbereiche – Regio, Fernverkehr, Netze, Station und Service – eher als Konkurrenten begreifen. Ob daraus mehr Verständnis für Verspätungen resultiert, ist allerdings fraglich.
Doch auch die Zugpersonale verstehen sich als Konkurrenten, kommunizieren nicht miteinander. Anders ist die mäßige Qualität der Anschlusssicherung nicht zu interpretieren. „Aktuell haben wir eine Verspätung von sieben Minuten, aber alle Anschlüsse werden erreicht. ICE 771 nach Stuttgart wartet auf Gleis 8.“ In dunkler Ahnung hetzt man zum Gleis 8 und durch die sich gerade schließende Tür des ICE 771, der sofort abfährt und Massen von verdutzten Anschlussreisenden zurücklässt. „Sie würden warten, wurde uns versprochen“, „Davon wissen wir nix. Hat uns keiner gesagt.“
Als besonders kommunikationsresistent erweisen sich die Betreiber unterschiedlicher Anbieter. Die Bitte, den Anschluss eines Regionalzuges vorzumelden, wird abgelehnt. „Das ist eine Privatbahn. Die haben ein eigenes Kommunikationsnetz, da komme ich nicht so einfach rein.“
Auch bei Bus und Tram bewährt sich die kommunikationsfreie Ahnungslosigkeit. Frage an den Fahrer von Buslinie 45, wann denn endlich der 32er Bus kommt und ob er vielleicht mal nachfragen könnte? „Geht nicht. Die 32 wird nicht von uns, sondern von Müller und Co betrieben.“ Durch Ausschreibungen sind die Streckennetze auf diverse Betreiber verteilt, die sich aber als Konkurrenten verstehen und Auskünfte verweigern.
Da die zunehmende Unfähigkeit, Auskunft über ebenfalls zunehmende Mängel zu erteilen, zwangläufig zu Depressionen führen würde, hat sich ein neues Selbstbewusstsein durchgesetzt. „Woher soll ich das wissen? Dafür sind wir doch nicht zuständig!“ Als ausgesprochen höflich gelten solche Antworten: „Da müssen Sie den Verkehrsverbund, die Nahverkehrsgesellschaft, DB Regio, sonst wen fragen!“ Schuldbewusst überlegt der so dumm fragende Reisende, ob er doch besser das Auto genommen hätte.
Marktwirtschaftliche Prinzipien durch Aufteilung in diverse konkurrierende Anbieter und autonome Geschäftsbereiche stehen im krassen Widerspruch zur politischen Forderung nach konsequenter Vernetzung der öffentlichen Verkehrsmittel. So wird das nichts mit der Verkehrswende.
Wie man marktwirtschaftliche Konkurrenz vermeidet und erfolgreich miteinander kommuniziert, haben die großen Autokonzerne mit ihrem Abgaskartell eindrucksvoll bewiesen. Ein Vorbild für den öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Von der Autoindustrie lernen heißt siegen lernen.